Ende des Winternotprogramms
Über Nacht leben mehr als 300 Menschen zusätzlich auf der Straße

Das Winternotprogramm in der Friesenstraße. Foto: Jonas Fabricius-Füllner.

Wie in den Vorjahren hat die Stadt zum 1. April die Türen des Winternotprogramms für Obdachlose geschlossen. Dadurch verbringen in Hamburg ab sofort mehr als 4000 Menschen die Nächte im Freien.

Hinz&Kunzt Randnotizen

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Zuletzt nutzten rund 550 Obdachlose die beiden Winternotunterkünfte der Stadt, um zumindest Schutz vor Kälte, Regen und den Unwägbarkeiten einer Nacht im Freien zu finden. Am Dienstag morgen endete das Notprogramm – obwohl auch für die kommenden Nächte Temperaturen von teilweise nur knapp über dem Gefrierpunkt angekündigt sind.

Wie im Vorjahr darf ein Teil der Obdachlosen auch nach Ende des Hilfsprogramms vorerst in den Notunterkünften verbleiben. 74 Obdachlose sind so krank, dass eine Rückkehr auf die Straße nicht zu verantworten wäre. 146 weitere haben einen Bescheid vorliegen, dass die Stadt sie unterbringen muss. Es gibt für sie allerdings kein freies Bett in einer öffentlich-rechtlichen Unterkunft.

Dass nicht alle Nutzer:innen des Erfrierungsschutzes eine Unterkunft von der Stadt angeboten bekommen, kritisiert die Diakonie. „Menschen werden jetzt sehenden Auges in die Obdachlosigkeit geschickt“, sagt deren Wohnungslosenexpertin Stefanie Koch.

Einen Anspruch auf dauerhafte Unterbringung haben deutsche Staatsbürger:innen und Migrant:innen, die in Deutschland mindestens sechs Monate  sozialversicherungspflichtig gearbeitet haben. Das Problem aber ist: Die für sie vorgesehenen Unterkünfte sind rappelvoll. Im Februar standen laut Senat 1800 Menschen auf den Wartelisten der Fachstellen für Wohnungsnotfälle, weil es kein Bett in öffentlich-rechtlicher Unterbringung für sie gab. Mit Ende des Winternotprogramms kommen nun knapp 150 Wartende dazu.„Alle Bemühungen müssen sich jetzt darauf konzentrieren, Wohnraum zur Verfügung zu stellen“, sagt deshalb Diakonie-Expertin Koch. Das sieht auch Klaus Wicher vom Sozialverband Deutschland so: „Es gibt nur eine Lösung für dieses Problem – den ganz konsequent umgesetzten Neubau von bezahlbaren Wohnungen.“

Eine Bilanz des diesjährigen Winternotprogramms steht noch aus. Im Vorjahr fielen die Zahlen ernüchternd aus: Gerade einmal drei Prozent der Nutzer:innen mussten im Frühjahr nicht zurück auf die Straße. Und der Plan der Stadt, mehr Obdachlose für eine  Rückkehr in ihr Heimatland zu gewinnen, ging überhaupt nicht auf. Nur 2 von gut 1000 Obdachlosen aus Polen, Rumänien und Bulgarien kehrten nachweislich in ihr Heimatland zurück.

Am Donnerstag regt sich Protest gegen die Situation der Betroffenen: Das „Aktionsbündnis gegen Wohnungsnot”, zu dem auch Hinz&Kunzt gehört, ruft um 19 Uhr auf dem Vorplatz des Bahnhofs Sternschanze zu einer „Nacht der Wohnungsnot” auf.

Autor:in
Jonas Füllner
Jonas Füllner
Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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