Bauprojekt „Bunte Kuh“ :
Hände voll Lehm

Ganz Hamburg streitet um die „Stadt der Zukunft“ und „Bürgerbeteiligung“. Im Projekt „Bunte Kuh“ bauen Erwachsene und Kinder gemeinsam ihre Welt. Jeder darf mitmachen – ganz umsonst. Seit Dienstag laufen die Bautage in Wilhelmsburg.

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Manchmal wird an den aufgebauten Tischen still und ernst gearbeitet, dann wieder viel gelacht und gequatscht. Hauptsache, die Fantasie ist mit den Händen zu greifen.

Der Obdachlose lebte im Schanzenpark, war sehr menschenscheu und redete nicht. „Ich schätze ihn auf Mitte 30, er ging immer barfuß“, sagt Nepomuk Derksen: „Er nahm sich einen Klumpen Ton und setzte sich 150 Meter weiter entfernt von unserem Platz mit dem hin.“ Was eigentlich so überhaupt nicht geht, denn wenn das Projekt „Bunte Kuh“ seine raumfüllende Baustelle aufbaut und anschließend für Wochen betreibt, muss garantiert sein, dass die Leute nicht den Lehm überall in der Gegend breittreten. „Aber bei ihm musste das so sein, wir haben gleich gesehen, wie tolle Formen aus seiner Hand flossen.“

Jeden Tag sprechen sie ihn an; bitten ihn, doch näher zu kommen. Wortlos rückt er jeden Tag ein kleines Stück mehr an ihren Bauplatz heran. „Am Ende hat er mitten unter den Leuten an seinen Figuren gearbeitet, die er mit großer Sicherheit entworfen hat.“

Diese Geschichte ist eines von vielen Erfolgserlebnissen, von denen Karen und Nepomuk Derksen erzählen können, wenn sie über ihr Lehmbauprojekt „Bunte Kuh“ berichten. Anfangs entwickelt von Nepomuk Derksen während seines Kunst- und Architekturstudiums. Später stieß Karen als Teilnehmerin einer Lehmaktion hinzu – und die beiden wurden ein Paar.

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Statiker achten darauf, dass so gebaut wird, dass alles bestens hält.

Mindestens zwei Mal im Jahr rücken sie mit einem Team von mehr als 20 Leuten und riesigen Mengen Lehm an – und es darf gebaut werden: „Der Vormittag ist für die Kinder aus den umliegenden Kitas und Schulen reserviert; ab Mittag kommen dann alle anderen, wobei wir darum bitten, dass sich Gruppen ab vier Menschen telefonisch anmelden.“

Wichtig ist der Lehm: ein Grundbaustoff in unserer Welt. Der im Himalaya verwandt wird und in Marokko. In Westafrika und in der Türkei. „Und nicht zuletzt ist Hamburg aus Lehm gebaut, nur dass man ihn gebrannt hat“, sagt Nepomuk Derksen. Bevor es losgeht, gibt es daher eine kurze, kindgerechte Materialkunde: Was kann man aus Lehm bauen? Was ist Backstein, warum ist er meistens rot? Und wo findet man Backsteinbauten in Hamburg?

Ritterburgen, Vulkane – und Krieg

Und dann legen alle los! Kneten, formen, bauen. Mal in die Höhe, mal in die Breite. Vorgaben gibt es keine. Nur als kleine Anregung Modelle aus dem Vorjahr. „Es haben Flüchtlingskinder mitgemacht, die haben den Krieg nachgebaut“, erzählt Karen Derksen. „Tote Menschen, zerschossene Mauern.“ Oder die Kinder formen ein Handy aus Lehm, einen Laptop, eine Comicfigur wie den grellbunten SpongeBob. Nur diesmal aus Lehm! Karen Derksen lacht: „Immer wieder bauen die Jungs einen Pimmel und schauen, wie wir reagieren. Dann sagen wir ‚Hey, klasse!‘, und damit ist die Sache erledigt.“

Immer im Trend: Ritterburgen. Oder Vulkane. Doch es dauert in der Regel nicht lange und die nächsten Figuren werden freier, fantasievoller, auch abstrakter. „Wir hatten einen Jungen, der hat einen Zauberwald gebaut, einen magischen Wald, übrigens an dem Tag, als er sechs Jahre alt wurde. Den haben wir dann in Groß nachgebaut.“ Denn das ist der nächste Schritt: Gemeinsam schaut man sich die Vielzahl an Figuren an – und entscheidet, welche vier, fünf, sechs Modelle in Groß gebaut werden.

Bauen mit Lehm in Wilhelmsburg

Bahnhofspassage Wilhelmsburg, direkt an der S-Bahn-Station. Bautage: Di, 15.5., bis So, 12.6., 9.30–17 Uhr (montags Ruhepause). Fest: So, 12.6., 15–18 Uhr. Ausstellung: Di,14.6., bis So, 26.6., 10–18 Uhr. Infos: www.buntekuh-hamburg.de
Also: richtig groß. Sodass man hineingehen oder auf sie hinaufklettern kann. Meterhoch, mit Treppen zum Hochgehen und einer kleinen Ecke zum Sitzen. Damit nichts schiefgeht, gehören zum Team auch Statiker, die sich genau anschauen, wie man die anvisierte Skulptur so bauen kann, dass sie nicht zusammenkracht oder in sich zusammenfällt, sich womöglich jemand verletzt. Große Mengen Lehm haben schließlich ein ziemliches Gewicht.

Wichtig ist, den Vorstellungen der Kinder zu folgen: „Kinder haben ein sehr feines Gefühl, ob das, was sie machen, wirklich gebraucht wird und ob sie wirklich gebraucht werden.“ Aufmunternd die vielen Rückmeldungen der Lehrer: „Die berichten uns dann, dass Schüler, die in der Klasse keine fünf Minuten ruhig sitzen, eine Stunde lang sehr konzentriert an ihrer Figur arbeiten.“ Oder Kinder, die in der Klasse nicht zu den Stars gehören, können es mal genießen, dass alle ihr Modell nachbauen. Und nicht zuletzt freuen sich die Lehrer, dass sie mal etwas nicht bewerten müssen, mit irgendeiner Zahl zwischen eins und sechs.

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Einige Modelle werden in groß nachgebaut.

So geht das Tag für Tag. Zum Abschluss wird ein großes Fest gefeiert. Manche der kleineren Figuren werden dann gebrannt, andere sind an der Luft bereits fest getrocknet. Und nicht zuletzt werden Speisen auf dem Brennofen bereitet: „Beim letzten Mal hat eine junge Mutter ihre Großmutter in Syrien angerufen und sich das Rezept für Fladenbrot geben lassen.“

Mitmachen kostet nichts

Wichtig ist den beiden, dass ihr Projekt nicht wie ein Ufo in irgendeinem Stadtteil landet, wie so viele laute Events. Und so schauen die Derkens sich um, welcher Stadtteil Unterstützung gebrauchen kann, und nehmen mit Kitas und Schulen Kontakt auf; mit Altenheimen und Flüchtlingsunterkünften. Wichtig ist ihnen, dass jeder mitmachen kann. Daher kostet das Mitmachen nichts. Gar nichts! „Wir haben immer wieder überlegt, ob wir nicht wenigstens einen kleinen Geldbetrag verlangen sollten, aber wir wollen unser Angebot so niedrigschwellig wie irgend möglich halten“, sagt Karen Derksen.

Das verlangt viel Einsatz. Denn obwohl das Projekt „Bunte Kuh“ sich in den letzten Jahren ein echtes Renommee quasi erbaut hat und eine Reihe von Preisen vorweisen kann, wie den „Spielraumpreis“ oder den „Deutschen Kinderpreis“, geht die Arbeit des Geldeinsammelns in jedem Winterhalbjahr von vorne los. Also fast: „Wir haben einen Stamm aus sehr reizenden Menschen aus kleinen Stiftungen, die uns die Treue halten“, sagt Karen Derksen. Seit drei Jahren beteiligt sich auch Hamburgs Kulturbehörde an der Förderung der Lehmbauten.

Bleibt das, was eindeutig und unumstößlich ist: das Material. Der Lehm! Afrikanischer Lehm übrigens, für den sie irgendwo in einer norddeutschen Tongrube Ton abbauen und den dann mit Wasser und Sand anmischen lassen. Die Rezeptur: streng geheim.

Text: Frank Keil
Fotos: Karen Derksen