Am Dienstag diskutierten Fachleute bei der Veranstaltungsreihe „Gerechte Stadt“ über die Ausbeutung von Zimmermädchen. Mit dabei war auch der Autor des Hinz&Kunzt-Hotelreports Ulrich Jonas.
Hinz&Kunzt: Acht Jahre nach unserem dritten Report von 2011 hast du vergangenen Monat wieder einen Hotelreport veröffentlicht. Warum war das nötig?
Ulrich Jonas: Uns erreichen immer wieder Hinweise von Betroffenen und Beraterinnen der Servicestelle Arbeitnehmerfreizügigkeit, dass Putzkräfte in Hotels mit Dumpinglöhnen abgespeist werden. Deshalb wollten wir es erneut genau wissen – und haben alle Hamburger Hoteliers angeschrieben.
Die meisten waren vermutlich eher genervt von der Umfrage, oder?
Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Manche Hoteliers waren regelrecht begeistert, weil ihnen das Thema sehr am Herzen liegt. Andere reagierten schmallippig oder gar nicht.
Bei einer Umfrage kann jeder behaupten, was er will. Wie lässt sich da Wahrheit von Lüge unterscheiden?
Durch hartnäckiges Nachfragen. Und durch viele Gespräche mit Reinigungskräften, Beraterinnen und Anwälten.
Diskussion: Moderne Sklaverei?
Darüber diskutieren bei „Hamburg! Gerechte Stadt“: Ulrich Jonas, Autor des 4. Hinz&Kunzt-Hotelreports, Aldona Kucharczuk von der Servicestelle Arbeitnehmerfreizügigkeit, Niklaus Kaiser von Rosenburg, Geschäftsführer Baseler Hof Hamburg, und Dr. Norbert Cyrus, Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder).
Di, 17.9., 17.30 Uhr, Haus 73, Schulterblatt 73, Eintritt frei
Welche Begegnung hat dich am meisten beeindruckt?
Bedrückend war der Bericht einer Frau, die um Lohn betrogen wurde und aus persönlichen Gründen sehr lange gezögert hat, sich dagegen zu wehren. Bemerkenswert war auch der Besuch in einem Hotel, das mit einer Fremdfirma zusammenarbeitet. Das Gespräch fand im Pausenraum der Putzkräfte statt: Rund 20 Cleaner saßen da, der Geschäftsführer und die Vorarbeiterin vom Subunternehmen, die Hausdame vom Hotel und ich. Weil die Putzkräfte allesamt kein Deutsch sprechen konnten, übersetzte die Vorarbeiterin.
Zwei Cleanerinnen beteuerten, es sei alles in bester Ordnung – obwohl ich aus zuverlässigen Quellen wusste, dass die Firma deutlich unter Mindestlohn zahlt.
Aber ist der Veranstaltungstitel „Moderne Sklaverei“ nicht doch etwas übertrieben?
Ich habe eine Frau kennengelernt, die für einen Hoteldienstleister putzt und lieber heute als morgen aufhören würde. Weil ihr Stundenlohn so gering ist und sie Familie hat, muss sie sehr viel arbeiten, bis zu 28 Tage im Monat. Da bleibt keine Zeit für einen Sprachkurs. Genau den müsste sie jedoch dringend besuchen, um einen anderen, besseren Job zu bekommen. Sie ist gefangen in diesem Teufelskreis – wie eine Sklavin.