StrassenKunzt Edition :
Blendender Beobachter

Nicht nur sein Künstlername haut rein: Der englische Street Artist Boxi malt fotorealistische Figuren, die die Ängste und Gefühle moderner Großstädter punktgenau reflektieren. Jetzt bieten wir in unserer StrassenKunzt Edition einen echten Boxi für Zuhause an.

MENSCH, BOXI: Der fotoscheue Künstler posiert als Bobby – dem Motiv, das er auch für seine Arbeit für die Hinz&Kunzt StrassenKunzt Edition gewählt hat.

Darüber kann sich ein Brite amüsieren: dass im Hamburger Café der schwarze Tee im offenen Beutel serviert wird, not- dürftig zusammengehalten von einer mickrigen Holzklammer. Auf solche Details achtet Straßenkünstler Boxi („mein richtiger Name ist unglaublich unwichtig“). Er hat generell ein gutes Auge für seine Umgebung. Vielleicht eine Berufskrankheit. Als Street Artist muss man schließlich ständig auf der Hut sein. „Ich stehe auf zig schwarzen Listen von der Polizei“, sagt der 38-Jährige.

Seine Heimat Kent hat er vor gut zwölf Jahren verlassen.Er ging nach Berlin, der Liebe wegen. Der Kunst wegen besucht er heute Hamburg. Boxi ist der zweite Künstler, den wir in der Hinz&Kunzt StrassenKunzt Edition (siehe Info Seite 45) präsentieren. Er kennt und mag die Stadt. „Viel zu selten“ besucht er Rik Reinking, seinen Agenten, der die StrassenKunzt Edition kuratiert. Am Eingang der Bar Yoko Mono in der Marktstraße im Karolinenviertel klebt tatsächlich noch ein echter Boxi. 2007 hat er den „Fluro Orange Roger“ genannten Müllmann hier angebracht – für Street-Art-Verhältnisse ist das eine Ewigkeit. Die Kunstwerke überdauern in freier Wildbahn normalerweise nur wenige Tage oder Wochen.

Boxi wiederum nimmt sich gern Zeit. Zu Fuß ist er den Weg vom Hauptbahnhof ins Karoviertel gegangen. Er erläuft sich eine Stadt gern. „Das ist wie Musikhören, man kann ganz viel mitbekommen“, sagt er. Sein Deutsch klingt weich, er macht Pausen, überlegt, bevor er spricht. Noch so eine gute Angewohnheit. Das Gängeviertel ist ihm aufgefallen. Inmitten der modernen Hochhäuser diese „Anti-alles-Werbung“, sagt er, der blendende Beobachter.

„Gefühle kommen besser rüber auf so einer dunklen Ebene, unterschwelliger.“

Boxis Figuren beobachten ebenfalls. Eine Welt, die sich radikal vor ihren Augen verändert. „Es ist beängstigend, wie schnell sich alles ändert, und deswegen möchte ich Bilder produzieren, denen man genau ansieht, aus welchem Jahr sie stammen“, sagt er. Straßenkunst als Chronologie politischer Ereignisse. Weißt du noch, als Tepco-Mitarbeiter wie Marsmenschen in Fukushima herumliefen? Wann war das noch mal mit der Ölpest im Golf von Mexiko? Das sind reale Gefahren. Oft aber vernebeln uns Politiker das Hirn mit behaupteten Gefahren, sagt Boxi. „Es geht darum, dass diese Angstmaschine dir sagt: Bereite dich vor! Hamstere Einkäufe! Sichere dein Haus und deine Angehörigen!“ Angst als Machtinstrument – auch davon erzählen die monochromen Miniaturen des Künstlers.

Nur selten mischt sich grelle Neonfarbe ins Bild, die meisten von Boxis Bildern sind in Schwarz-Weiß-Grau-Tönen gehalten. Warum? „Das ist ganz einfach. Ich finde das zeitlos und nicht so aufdringlich. Gefühle kommen besser rüber auf so einer dunklen Ebene, unterschwelliger“, sagt er. Der Vater mit dem Kind auf dem Arm. Der Arbeiter, der eine Wand streicht. Und immer wieder: Menschen, die in Schutzanzügen stecken, umgeben von einer feindlich wirkenden, nahezu apokalyptischen Na- tur. Seine lebensgroßen Figuren stellt er mithilfe von Schablonen her, Stencil- Technik heißt das. Die Schablonen werden in Kleinarbeit nach Fotovorlage ausgeschnitten, dann mehrfach übersprüht und übermalt. Das Ergebnis sind fotorealistische Figuren – fast zu real.

„Das Arbeiten auf der Straße ist einfach freier“ 

Begonnen hat alles 2003/2004.Inspiriert wurde er von Straßenkünstlern wie Evol und Banksy. Letzterer verkauft seine Bilder von küssenden Polizisten und Ratten mittlerweile für Millionenbeträge. 2010 war er Star des Dokumentarfilms „Exit Through The Gift Shop“. Evol arbeitet wie Boxi in Berlin und ist dafür bekannt, Alltagsgegenstände wie Stromkästen künstlerisch zu verfremden. Boxi war fasziniert von den Möglichkeiten, die das urbane Berlin mit seinen vielen, leer stehenden Gebäuden und einer scheinbar grenzenlosen Terra incognita ihm bot. Er beklebte die halbe Stadt mit selbst gemachten Stickern. Er zog Nacht für Nacht mit Gleichgesinnten durch Kreuzberg. „Wir konnten überall wild plakatieren. Es waren Werbebotschaften, die nichts verkaufen wollten. Das fand ich super spannend: Dass es darum ging, etwas zu produzieren und es dann loszulassen“, erinnert er sich.

Zuvor hatte er einen Abschluss in Malerei und bildender Kunst gemacht. Doch das Arbeiten für Galerien war weit weniger attraktiv, als die Kunst direkt auf die Straße zu bringen. „Das war einfach freier, draußen zu arbeiten und die Kunst dann der Öffentlichkeit zu überlassen. Berlin hat es möglich gemacht, Berlin hat meinen Style geändert, ohne Berlin wäre ich kein Street Artist geworden.“ Er gründete sein eigenes Atelier und gelangte über die Jahre dann doch von der Straße in die Ausstellungsräume: Boxis Arbeiten werden in London, Los Angeles, Melbourne, Wien und Berlin ausgestellt. Das amerikanische Popkultur-Magazin „Complex“ hat ihn auf Platz 10 der „50 wichtigsten Straßenkünstler dieser Zeit“ gesetzt.

Wir sind stolz, dass wir ihn für unsere StrassenKunzt Edition gewinnen konnten. Das Motiv: typisch Boxi. Ein britischer Bobby, der aussieht, als würde er in seiner Mittagspause einen Modellflieger steuern. Tatsächlich lenkt der Polizist eine mehrere Zehntausend Euro teure Drohne, ein „Unmanned Air Vehicle“ (UAV), zu Deutsch ein unbemanntes Luftfahrzeug. Ursprünglich für Kriegseinsätze gebaut, werden die lautlosen Beobachter international immer häufiger auch für die zivile Überwachung eingesetzt. Wie es heißt, um Kriminalität vorzubeugen. Auch die deutsche Polizei hat Drohnen schon mehrfach aufsteigen lassen, um Demonstranten zu überwachen: beim G8-Gipfel 2008 in Heiligendamm, beim Castor-Einsatz 2010, zuletzt 2011 in Dresden bei einer Anti-Nazi-Demo. In Amerika werden derzeit sogar Drohnenschwärme getestet, die ganze Stadtteile überwachen können. Die totale Kontrolle des öffentlichen Raums würde erlauben, vermeintlich Verdächtige 24 Stunden lang zu beobachten. „In England soll bald ein neues Gesetz kom- men, das es erlaubt, Drohnen über den Köpfen von Menschen zu benutzen. Es geht immer mehr in Richtung Überwachung und Big Brother“, sagt Boxi.

Apropos Fotos: von ihm selbst gibt es nahezu keine. Der Künstler will hinter seiner Kunst verschwinden. Aber für uns hat Boxi eine Ausnahme gemacht. Beim Fototermin im Karoviertel staunen die Gerüstbauer, die gerade Gestänge und Holzplatten nach oben hieven, nicht schlecht, als ihnen plötzlich ein vermeintlich echter britischer Bobby mit strenger Miene gegenübersteht. Der Termin endet, wie er begann: mit einem amüsierten Lächeln des Briten.

Text: Simone Deckner
Foto: Mauricio Bustamante 

Die StrassenKunzt Edition

Im August 2012 startete Hinz&Kunzt die StrassenKunzt Edition. Pro Jahr werden zwei Kunstwerke von je einem renommierten Street-Art-Künstler zum Verkauf angeboten, jeweils in limitierter Auflage. Die Auswahl übernimmt der Kunstsammler Rik Reinking aus Hamburg, der sich seit Jahren mit Street Art beschäftigt. Street Art hat erst die Straße, längst aber auch Galerien und Museen erobert. Neben der aktuellen Arbeit von Boxi „Mensch, Bobby“ können Sie weiterhin das erste Werk der Edition des Hamburger Künstlers DAIM kaufen. Bei Hinz&Kunzt, Altstädter Twiete, oder im Online-Shop. Limitierte Auflage: 99 Stück zum Preis von je 99 Euro. Der Erlös aus dem Verkauf der Edition geht zur Hälfte an die Künstler, zur Hälfte an Hinz&Kunzt. Boxis Arbeit ist ab sofort erhältlich.  www.hinzundkunzt.de/shop/de/StrassenKunztEdition

Boxi bei Rik Reinking