Stefan Gwildis :
„Beim Jazz ist alles erlaubt“

Stefan Gwildis ist ein alter Freund von Hinz&Kunzt. Nun tritt der Soulsänger beim großen Hinz&Kunzt-Konzert ­Charitone gemeinsam mit der NDR Bigband auf. Wir schnacken mit dem 54-Jährigen an den Landungs­brücken über alterslosen Jazz, ­solides Durchhalte­vermögen und die meditative Wirkung von Schiffen.

(aus Hinz&Kunzt 246/August 2013)

War mal Reifen-Händler, hat drüben im Hafen gejobbt.  Nun hat Hamburgs Soulgröße  Stefan Gwildis eine fulminante  Jazz-CD eingespielt.
War mal Reifen-Händler, hat drüben im Hafen gejobbt.
Nun hat Hamburgs Soulgröße
Stefan Gwildis eine fulminante Jazz-CD eingespielt.

Lieber Stefan, du sollst mal einem Zuschauer ein Handy aus der Hand gerissen und in einem Bierglas versenkt haben. Müssen sich die Zuschauer von Charitone Sorgen machen?
Stefan Gwildis lacht: Nein, da können alle ihr Handy anlassen, weil wir ja gemeinsam mit der NDR Bigband auftreten und die wird das übertönen. Obwohl: Da gibt es auch sehr fein gewürzte und leise Töne, schöne Balladen, die Dirigent Jörg Achim Keller arrangiert hat. Das ist wahrscheinlich eines der besten Orchester der Welt. Die spielen mit so einer Exaktheit.

Du musst es wissen, denn du hast mit der NDR Bigband dein aktuelles Album auf­genommen. Jazz statt Soul. „Wenn ich ­Gwildis will, will ich Soul, keinen Jazz“, schreibt ein Fan im Netz.
Gwildis: Das ist Geschmackssache. Ich finde den Schritt von Soul zu Jazz nicht so groß. Ich verehre Künstler wie Elvis Costello oder Bobby McFerrin, die all’ ihre Leidenschaften ausleben. Das Tolle am Jazz ist: Alles ist erlaubt. Auch bei den Inhalten ist das so: Es sind nicht nur Herz-Schmerz-Themen angesagt, sondern man kann auch über andere Sachen sprechen. Jeder Mensch hat ja ein ganzes Paket zu tragen, aber bei allen Schwierigkeiten, die es gibt, soll diese Musik Mut machen.

Für nicht wenige ist Jazz „Alte-Männer-Musik“.
Das finde ich überhaupt nicht. Jazz ist völlig alterslos. Ich bin mit Jazz aufgewachsen, obwohl ich aus einer Handwerkerfamilie komme. Mein Vater hat für eine amerikanische Reifenfirma gearbeitet. Und die haben ein, zwei Mal im Jahr Platten an ihre Mitarbeiter verschenkt. Mit Musik von Louis Arm-strong, Bobby Haggart, Ella Fitzgerald, Sammy Davis. Jazz ist auch eine Lebenseinstellung. Eine der Grundprämissen: Es kommt drauf an, was man draus macht. In was für einer Scheißsituation du auch immer steckst, mach was draus!

Du hattest deinen Durchbruch vor zehn ­Jahren – kennst aber auch Zeiten, in denen es finanziell nicht so gut lief.
Ich war ja sehr früh (mit 17, d. Red.) mit einer Frau und drei Kindern zusammengekommen. Da musste Kohle ran, fertig, aus. Ich habe Lagerjobs gemacht, bin als Lkw-Fahrer unterwegs gewesen, habe im Hafen gearbeitet. Die Zeit möchte ich nicht missen.

Gab es Situationen, in denen du alles ­hinschmeißen wolltest?
Mit der Musik war es nicht immer so erträglich, nein, ich meine einträglich (lacht), erträglich war es manchmal auch nicht … Als ich mit meinem Kollegen Rolf Claussen unterwegs war zum Beispiel. Wir haben am Anfang noch Englisch gesungen. Da gab uns mal ein Typ zehn Mark. Sagte: „Lasst es lieber bleiben.“ Das war in dem Moment hart, aber er hatte absolut recht damit. Danach haben wir nur noch Deutsch gesungen. Wenn es den noch gibt: Wir sind Ihnen immer noch sehr dankbar!

Wir sitzen hier an den Landungsbrücken. Was verbindest du mit diesem Ort?
Wie gesagt, ich habe hier gejobbt. Meine Oma hatte in der Nähe eine Kneipe. Für mich hat der Hafen und was ihn umgibt eine große Offenheit. Was wir hier gerade betreiben: Auf dem Poller hocken, Schiffe gucken, das ist so ein typisch Hamburger meditativer Vorgang. Am besten, man hat noch ein Fischbrötchen in der Hand, knabbert dran rum und hält einfach mal die Schnauze.

Interview: Simone Deckner
Foto: Mauricio Bustamante

Stefan Gwildis live „10 Jahre Soul“ am 18.8. im Stadtpark, 17 Uhr, 35,80 Euro und am 15.9. mit anderen Hamburger Künstlern beim Hinz&Kunzt-­Jubiläumskonzert Charitone ebenfalls im Stadtpark, 17 Uhr, 29,50 Euro + VVK-Gebühr unter www.kj.de oder bei der Theaterkasse Schumacher. Mehr Infos unter: www.hinzundkunzt.de/charitone
Das Album „Das mit dem Glücklichsein“ ist bereits erschienen (105 Music).