Bestatterin Janna Saarschmidt ist fest in Barmbek verankert.

„Trauer hat einen Anfang, aber kein Ende.“

Bestatterin Janna Schaarschmidt ist fest in ihrer Barmbeker Nachbarschaft verankert. Foto: Miguel Ferraz

Bestatter:innen haben keine Stammkundschaft – eigentlich. Bei Janna Schaarschmidt in Barmbek ist das anders: In der Trauer haben sie und manche Kund:innen Bande über den Todesfall hinaus geknüpft.

Hinz&Kunzt Randnotizen

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„Störe ich?“ Vorsichtig öffnet Erica Soltau die Tür zu Janna Schaarschmidts Laden – könnte ja Kundschaft da sein. Sie will nicht stören. „Kundschaft“ bedeutet, ein Mensch ist gestorben und die Angehörigen planen mit Bestatterin Janna Schaarschmidt die Beisetzung. Auch Erica Soltau saß deshalb schon hier an der Fuhlsbüttler Straße („Fuhle“) in Barmbek-Nord.

Janna Schaarschmidt hat gerade Zeit. Das freut Erica: „Ich komme öfter vorbei, ich wohne ja um die Ecke.“ Die beiden reden über Gott und die Welt, über Neuigkeiten in der Nachbarschaft. Es geht aber auch um Verlust und Trauer. Jeden treibe anderes um, sagt die Bestatterin. Manche hätten Angst vor dem Weiterleben, der finanziellen Unsicherheit. Bei anderen sei da ein hoher Trauerdruck, sie könnten nicht loslassen. „Trauer hat einen Anfang, aber kein Ende“, sagt die 34-Jährige. „Meine Tür ist immer offen.“

Erica Soltau nascht derweil „Trostschokolade“. Die steht wie Papiertaschentücher für emotionale Momente bereit. Wären da nicht die Särge und eine bunte Auswahl an Urnen, der moderne Laden mit Spielecke könnte auch ein Kreativbüro sein. „Dabei sind Sarg und Urne gar nicht so wichtig bei der Beisetzung“, hat Janna Schaarschmidt gelernt. „Die meisten Menschen wollen einfach einen guten Abschied.“

Die 65-jährige Erica Soltau hat ihr Leben im Dunstkreis der Fuhle verbracht und erinnert sich wehmütig an die Zeit, als diese eine lebendige Flaniermeile war. Heute vermisst sie Zusammenhalt. „Wo gehe ich jetzt schon mal rein, um zu klönen? Vielleicht mal beim Kiosk, beim Friseur“ – oder eben bei der Bestatterin.

Das hat Erica Soltaus Mutter so vorgemacht. Bevor diese 2018 starb, hatte sie mit Schaarschmidt die Formalitäten für die eigene Beerdigung erledigt. Zur Abschiedsfeier lud Soltau die Bestatterin in die ausgeräumte Wohnung ein. „Sie kam tatsächlich!“ Das hat das Band zwischen den ­beiden Frauen enger geknüpft.

Es gebe einige Damen und Herren, die Anteil nehmen am Leben im Laden, sagt Schaarschmidt. „Sie winken ­immer und grüßen. Wenn wir in Urlaub gehen, sage ich ­ihnen Bescheid, sonst machen sie sich Sorgen. Und wenn ich sie länger nicht sehe, frage ich bei den Nachbarn nach. Wir ­achten hier aufeinander.“ So wie Reinhard Gieseler. Der Rentner ist viel zu Fuß im Stadtteil unterwegs. Fast ­täglich kommt er vorbei. „Die Deko ist so schön“, findet der 66-Jährige.

Im Schnitt sterben in Hamburg jährlich rund 18.000 Menschen. „Die Bestattung ist der erste Schritt auf dem Weg in die Trauer“, sagt Schaarschmidt. Menschen darüber hinaus zu begleiten, sei auch für sie schön.

Ihr Schaufenster sorge tatsächlich für „Laufkundschaft“, sagt sie und lacht. Ein Ehepaar zum Beispiel, das spontan he­reinkommt, um die eigene Bestattung zu regeln. Es habe auch schon ein Taxifahrer mit einer trauernden Frau als Fahrgast angehalten und gefragt, ob sie sich kümmern könne.

Fabian Skotorzick wollte die gemeinsame Zeit, die er mit seiner schwer an Krebs erkrankten Frau noch hatte, nicht mit der Planung und Organisation ihrer Beisetzung vergeuden. Als sie 2022 starb, erinnerte er sich wieder an das Schaufenster der Bestatterin an der Fuhle. Das hatte er im Vorbeifahren irgendwie schon immer cool gefunden. „Ich habe Janna als unkonventionell und feinfühlig erlebt“, erzählt der 38-Jährige. „So sind ein ganz besonderer Moment und große Nähe entstanden, vielleicht auch, weil wir uns altersmäßig nahe sind.“

Durch ihre Begleitung sei für ihn die Akzeptanz und die Schönheit des Todes verstärkt und erfahrbar geworden:
„Janna hat sich sehr viel Zeit genommen, sie wollte wissen, was für ein Mensch meine Frau war.“ Heute kann er mit ­einem Lächeln von der Trauerfeier erzählen, die so lebendig gewesen sei wie seine Frau. „Wir haben kompostierbares ­Konfetti statt Erde ins Grab gegeben, hatten bunte Luft­ballons und Kerzen. 120 Gäste waren da, viele hatten Blumen aus ­ihren Gärten dabei.“ Er erinnert sich, dass er dachte: „Das ist so schön, jetzt freue ich mich schon darauf, zu sterben.“

Reinhard Gieseler hat auf dem Rückweg Zeit für einen Schnack. Auch seine Mutter kam öfter bei Janna Schaarschmidt vorbei. Als sie mit 90 Jahren starb, organisierte die Bestatterin eine Beisetzung mit vielen Blumen: „Meine Mutter hat ihren Garten ja sehr geliebt.“ Sich verstanden zu fühlen, das habe ihm gutgetan.

Erica Soltau muss nun los. „Wenn ich mit dem Rad vorbeifahre und nicht so schwer beladen bin, schaue ich wieder rein“, sagt sie und steckt noch ein Stück Schokolade ein.

Artikel aus der Ausgabe:

Hamburg, kannst du Karneval?

Pünktlich zum Karneval wird aus einem Gottesdienst in Ottensen eine rheinische Prunksitzung. Hinz&Kunzt hat sich unter die Jecken gemischt. Außerdem: Tod und Trauer im Schwerpunkt. Ein Besuch im Hospiz. Bei einer Bestatterin. Und die Spurensuche nach einem verstorbenen Hinz&Künztler.

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