Demokratie

Können wir noch miteinander reden?

Illustration: grafikdeerns.de

Es heißt immer wieder, unsere Gesellschaft habe verlernt, miteinander zu sprechen. Der Verein „Mehr Demokratie“ versucht das zu ändern. Klappt das? Ein Selbstversuch.

Hinz&Kunzt Randnotizen

Freitags informieren wir per Mail über die Nachrichten der Woche:

Es schien, als könne dieses Gespräch nicht noch ­verfahrener werden, als der Mann plötzlich fragte: „Sind Kühe Vegetarier oder Fleischfresser?“ Eine Frage, bei der wir, mein Kollege und ich, zwei Journalist:innen aus der Großstadt und an diesem Abend fernab ihrer persönlichen Lebensrealität, ihm offenbar nur eine falsche Antwort geben konnten. Mein Kollege probierte es mit einem: „Vegetarier?“ Der Mann, ein Landwirt, ­antwortete mit einem triumphierenden Grinsen. Kühe könnten auch Insekten verdauen, die sie mit dem Gras ­aufnehmen: tierisches Eiweiß also. Was er eigentlich sagen wollte: Was hätten wir, die nicht mal wüssten, was Kühe fressen, schon zum Thema Landwirtschaft zu sagen?

Es heißt immer wieder, wir hätten verlernt, mit­ei­n­ander zu reden. Wir, damit ist unsere gesamte Gesellschaft gemeint, und diese Befürchtung ist deshalb relevant, weil das Reden so etwas wie die Grundtugend der Demokratie ist. Immer wieder werde ich während dieser Recherche Menschen sagen hören: Unsere Kommunikation verhärte sich, es bildeten sich Lager, sie könnten mit Freunden nicht mehr über politische Themen sprechen, ohne sich zu streiten. Und wenn man nur mit denen spricht, die sowieso die eigene Meinung haben, verharrt man in Scheindebatten.

Wie also kommen wir wieder ins Gespräch? Der Verein „Mehr Demokratie“ versucht das mit einem Format, das er „Sprechen und Zuhören“ nennt. Durch bestimmte Gesprächsregeln und eine Moderation sollen sich ­Menschen zu einem polarisierenden Thema austauschen. 

Die Presse ist hier nicht erwünscht. Es wurde laut.

Mit einem Kollegen fahre ich 85 Kilometer in einen ­kleinen Ort hinter Stade. Wir hatten angefragt, ob wir an ­einer solchen Gesprächsrunde teilnehmen und darüber berichten dürften. Der Verein zeigte sich dafür sehr offen, die Organisator:innen vor Ort allerdings skeptisch. Sie seien unsicher, ob Presse teilnehmen solle. Sie stimmten zu, ­äußerten aber einen Wunsch: Wir sollen nicht nur berichten, sondern aktiv teilnehmen.

So saß ich in den Räumen eines Schützenvereins, in ­einem Kreis aus rund 40 Stühlen. Ich bin 25 Jahre alt und lag damit deutlich unter dem Altersdurchschnitt der Anwesenden. Das Thema des Abends: Landwirtschaft und Artenschutz. 

Schon bald wurde angekündigt, dass heute zwei Vertreter:innen des Magazins Hinz&Kunzt im Raum seien. Noch bevor wir uns vorstellen durften, gab es ablehnende Wortbeiträge. Man habe sehr schlechte Erfahrungen ­gemacht mit der Presse, sie sei hier nicht erwünscht. Die Veranstalter:innen sahen sich in ihrer ursprünglichen Skepsis bestätigt, es wurde laut. Wir verließen den Raum.

Drei Landwirte folgten uns nach draußen. Einer ­entschuldigte sich und sagte, ihm sei die Situation wirklich peinlich gewesen. Der zweite lud uns auf seinen Hof ein, falls wir mal über Landwirtschaft berichten wollten. Der dritte war jener, der uns über das Fressverhalten der Kühe aufklären wollte. 

Ein paar Mal wurde an diesem Abend gesagt, man könne nicht frei reden, wenn Journalist:innen anwesend seien. Es fiel der Begriff „safe space“, also der eines geschützten Ortes, um sich auszutauschen. Nur, wann genau braucht es einen „safe space“? Wenn es um persönliche Schickale geht: ja. Aber auch, wenn es um Landwirtschaft und Artenschutz geht? Sind das nicht genau die Themen, die alle angehen? Und damit, in einer Demokratie, nun mal auch die Autor:innen eines Magazins?

Rund zwei Wochen später nehme ich an einer zweiten Gesprächsrunde teil. Wieder ist sie organisiert von Mehr Demokratie, diesmal findet sie online statt. Die Moderation übernehmen zwei geschulte Mitarbeiter:innen, die mich vor Beginn ankündigen und ausdrücklich willkommen heißen. Diesmal gibt es keine Einwände. Das Thema: 365 Tage Krieg in der Ukraine.

Ein Leitfaden, den ich mir vorher ansehe, gibt die Regeln vor:

• Jede Person spricht von sich, dem eigenen Erleben und der persönlichen Betroffenheit. 

• Alle sprechen gleich viel. 

• Es wird nicht bewertet oder kommentiert.  

• Die inneren Kommentare und Reaktionen werden bewusst wahrgenommen und nicht weggedrückt.

Das Wahrnehmen der Emotionen fremder Menschen soll, so das Ziel von Mehr Demokratie, die politische ­Kultur stärken. Bevor es losgeht, sollen wir uns vor dem Bildschirm aufrichten, eine Hand aufs Herz legen, tief ­ein- und ausatmen. Einen Finger nach oben strecken und für uns selbst testen, wie der gesellschaftliche Wind gerade wehe. Er weht, so viel kann ich an dieser Stelle schon mal feststellen, recht kontrovers: Wenige Tage vor der Runde hatte sich der russische Angriff auf die Ukraine gejährt, ­einen Tag später riefen Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer zu einem „Aufstand für den Frieden“ auf. Im ZDF-Politbarometer sagten 41 Prozent der Befragten, der Westen solle die Ukraine drängen, für einen Frieden ­Gebietsverluste in Kauf zu nehmen. Andere 41 Prozent meinten, er solle die Ukraine unterstützen, alle von Russland besetzten Gebiete zurückzuerobern.

Wir werden per Zufall in Gruppen eingeteilt, ich lande in einer Vierergruppe. Die drei anderen sind älter als ich, eine Frau ist über 70 Jahre alt. Was wir vermeiden sollen: politische Diskussionen zu führen. Es soll nur um die ­eigenen Gefühle gehen, um die Frage: Wie geht es dir, ein Jahr nach dem russischen Angriff?

Ich merke, dass mir das recht schwerfällt und ich meine vier Minuten Redezeit nur mit Mühe fülle, weil meine ­Gefühle schnell erklärt sind: Ich fühle mich traurig, manchmal verzweifelt, wenn ich Bilder aus der Ukraine sehe oder mit betroffenen Menschen spreche. Weil wir auch etwas Hoffnungsvolles sagen sollen, spreche ich von der Hilfe und Solidarität, die nach dem Angriff zu beobachten war. 

Meine Gesprächspartner:innen haben mit dem Füllen der Minuten weniger Probleme, sie erzählen, wie es ihnen geht und was sie besorgt. Ihnen geht aber auch alles Mög­liche durch den Kopf, wenn sie an die Ukraine denken: vergangene Kriege, ihre Jugend in der Friedens­bewegung, die Flucht ihrer eigenen Familie oder der Russlandurlaub, den sie eigentlich geplant hatten. 

Nachdem alle je vier Minuten gesprochen haben, meldet sich ein Moderator und fragt: Wie geht es euch? Gibt es in euch Widerstand? Eine Teilnehmerin sagt, dass sie nach der ersten Runde tieftraurig war. Eine andere, dass sie nicht aufhören kann, sich über den Konflikt zu informieren, obwohl sie ihren ­Lebensabend eigentlich anders verbringen wollte. 

Es wirkt, als wolle man den politischen Streit vermeiden.

Immer wieder scheint es mir, als blieben Fragen unbeantwortet im Raum stehen. Der Mann aus meiner Gruppe zum Beispiel sagt, er sei Kriegsdienstverweigerer und ­würde sich ergeben, wenn Deutschland angegriffen würde. Habe er schon immer so gesehen, zu Zeiten des Kalten ­Krieges sei seine Überzeugung gewesen: „Lieber rot als tot.“ Ich höre dem Mann zu und verstehe was er meint, aber ich frage mich auch: Warum erzählt er das jetzt? Möchte er mehr Aufmerksamkeit für die Deserteure dieses Krieges, fordert er, dass sich die Ukraine ergeben sollte? Haben wir unterschiedliche Definitionen von Frieden?

Ich bin die ganze Zeit bemüht, nur über meine persön­lichen Empfindungen zu sprechen, würde aber eigentlich gerne ein paar Fragen stellen. Ich soll nicht auf die anderen eingehen und merke, dass mir das nicht immer gelingt. Dass ich auch mal sage „Das sehe ich so wie meine Vor­rednerin“, um eine Verbindung herzustellen. Oder, nachdem mehrmals das Wort „Kriegshetze“ gefallen ist, dass ich das anders sehe. Dann wiederum habe ich das ­Gefühl, dass solche Aussagen gar nicht gut ankommen, weil die anderen Personen sich sofort falsch verstanden fühlen. Und klar: Sie können mir auch nicht darauf antworten und erklären, wie sie es wirklich gemeint haben. Immer wieder scheint es, als ob dieses Gespräch sehr kalt ist, obwohl wir so viel über Gefühle reden.

Vielleicht sehe aber auch nur ich das so. Am Ende der Runde sollen wir im großen Plenum in den Chat schreiben, was sich für uns während des Gesprächs verändert hat. Die Leute schreiben so etwas wie: „Ich bin nicht allein!“ oder „Mir geht es besser.“ Einer schreibt, dass er gemerkt habe, wie er zuvor die eigenen Gefühle durch Intellektualisieren verdrängt habe.

Ich bin unsicher. Mich beeindruckt es, wie viel meine Gesprächspartner:innen erzählt haben, obwohl wir uns fremd waren. Ich habe drei Ansichten kennengelernt, die anders waren als meine, was mir den Diskurs in Deutschland und die unterschiedlichen Positionen auf jeden Fall verständlicher gemacht hat.

Dann sehe ich, was der Kriegsdienstverweigerer in den Chat schreibt: Er sei darin bestätigt worden, dass ein Krieg niemals mit Waffen gelöst werden könne. Es freut mich ein bisschen, dass er gegen die Regel verstößt und eine Haltung äußert. Aber es ärgert mich auch, dass sein Kommentar einfach so in diesem Chat stehen bleibt: Hätten wir nicht darüber sprechen können? Über seine Argumente und meine, über die vermutlich großen Gemeinsamkeiten, aber definitiv auch vorhandenen Unterschiede? 

Was ich an diesem Abend gefunden habe, sind viele Emotionen. Gleichzeitig wirkte es, als wolle man den politischen Streit vermeiden, obwohl auch gerade der eine Demokratie formt. Wie sonst sollten gemeinsame Lösungen und Kompromisse entstehen? Diskutieren bedeutet: sich in die Argumentation des anderen zu versetzen und zu über­legen, ob das eigene Argument wirklich stärker ist. Vielleicht sollte man in einem nächsten Schritt deshalb etwas versuchen: sich das Streiten wieder zu trauen, mit dem Interesse für die Gemeinsamkeiten – und die Unterschiede. 

Artikel aus der Ausgabe:

Housing First: Jens hat endlich ein Zuhause

Wohnungen für Obdachlose mit „Housing First“ – endlich auch in Hamburg! Passend dazu im Magazin: Wie Grundrechte das Wohnen schützen. Im Schwerpunkt: Wieso Demokratien weltweit unter Druck stehen, warum Hamburgs Stadteilbeiräte diverser werden sollen und ob man Miteinander reden in Workshops lernen kann. Außerdem: Wieso die Polizei härter gegen Obdachlose in der Innenstadt vorgeht.

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Autor:in
Anna-Elisa Jakob
Anna-Elisa Jakob
Ist 1997 geboren, hat Politikwissenschaften in München studiert und ist für den Master in Internationaler Kriminologie nach Hamburg gezogen. Schreibt für Hinz&Kunzt seit 2021.

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