Gebärdensprache :
Mit Gefühl und ganz direkt!

Leichte Sprache
Ralph Raule, der Vorsitzende der Gesellschaft zur Förderung der Armut Gehörlosen in Hamburg, zeigt die Gebärde Gerechtigkeit. Foto: Dmitrij Leltschuk

Die Gebärden-Sprache ist oft schnell und sehr ideenreich.
Dabei ist die Gebärden-Sprache immer ganz genau.

Hinz&Kunzt Randnotizen

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Die Gebärden-Sprache ist die Mutter-Sprache von gehörlosen Menschen.
Die gehörlosen Menschen machen mit ihren Händen Zeichen.
Diese Zeichen heißen Gebärden.
Der ganze Körper tanzt,
wenn jemand mit Gebärden spricht.
Sogar Rapper lernen von der Gebärden-Sprache.
Ein Rapper ist ein Sänger oder eine Sängerin.
Die Sängerin oder der Sänger singen sehr schnell.

Die Gebärden-Sprache ist cool!

Wenn gehörlose Menschen in Gebärden-Sprache miteinander sprechen,
dann sieht das immer sehr schön aus.
Die gehörlosen Menschen sprechen ohne Wörter,
aber immer mit dem ganzen Körper.
Die Hände bewegen sich sehr schnell.
Auch der Gesichts-Ausdruck ist dabei wichtig.
Das sieht echt cool aus!
Aber für Hörende ist das manchmal komisch.
Sie verstehen oft nicht,
wie die Gebärden-Sprache funktioniert.
Die Gebärden-Sprache ist in Deutschland eine eigene Welt.
Hörende Menschen haben selten mit der Gebärden-Sprache zu tun.
Manchmal sieht man irgendwo gehörlose Menschen mit Gebärden reden.
Manchmal sieht man auch
Gebärden-Dolmetscherinnen und Gebärden-Dolmetscher.
Zum Beispiel im Fernsehen oder in der Politik.
Das ist aber sehr selten.

Frau Jutta Feuerle ist so eine Gebärden-Dolmetscherin.
Frau Feuerle hat in Hamburg studiert.
Dabei hat sie auch die Gebärden-Sprache kennengelernt.
Frau Feuerle sagt:
Sie war damals sofort begeistert von der Gebärden-Sprache.

Heute ist Jutta Feuerle 48 Jahre alt.
Sie arbeitet als Gebärden-Dolmetscherin.
Sie übersetzt Gebärden-Sprache in die gesprochene Sprache.

Frau Feuerle sagt:
Die Gebärden-Sprache ist oft sehr schnell und schwierig.
Eine Gebärde kann in der Laut-Sprache schon ein ganzer Satz sein.
Für eine Gebärde braucht man oft viel mehr Wörter.
Die Gebärden-Sprache ist einfach so entstanden
Hinz und Kunzt hat das Institut für Deutsche Gebärden-Sprache
an der Universität Hamburg besucht.
Dort hat Hinz und Kunzt mit Simon Kollien gesprochen.
Simon Kollien ist gehörlos.
Er arbeitet als Wissenschaftler und Lehrer für Gebärden-Sprache.
Jutta Feuerle war als Gebärden-Dolmetscherin dabei.

Frau Feuerle und Herr Kollien arbeiten jeden Tag mit der Gebärden-Sprache.
Sie beide kennen die Gebärden-Sprache sehr gut.
Simon Kollien vergleicht die Gebärden-Sprache mit der gesprochenen Sprache.
Die Gebärden-Sprache benutzt immer den ganzen Körper.
Arme und Hände sind dabei besonders wichtig.

Aber auch der Gesichts-Ausdruck und der Raum vor dem Körper sind wichtig.
Das macht die Sprache so lebendig, sagt Simon Kollien.
Es gibt mehr als 200 Gebärden-Sprachen auf der Welt.

Vielleicht gibt es aber noch viel mehr.
Das weiß niemand ganz genau.
Denn die Menschen sprechen Gebärden-Sprache immer dort,
wo nicht geredet werden kann.
Die Gebärden-Sprachen sind genau wie andere Sprachen:
sie sind einfach so entstanden.

Die Gebärden-Sprachen sind überall auf der Welt
in den Gruppen von gehörlosen Menschen entstanden.
Deshalb ist jede Gebärden-Sprache auf der Welt anders.
Auch in Deutschland ist die Gebärden-Sprache überall anders.
Zum Beispiel gibt es in Hamburg die Gebärde „Sonntag“.
Dabei streicht die Hand auf der Brust von oben nach unten.
In Bayern sind betende Hände die Gebärde für „Sonntag“.

Die Gebärden-Sprache entwickelt sich immer weiter.
Früher wurden zum Beispiel Kaffee-Bohnen mit einer Kaffee-Mühle klein gemacht.
Die Gebärde für „Kaffee“ zeigte damals die Hand-Bewegung an der Kaffee-Mühle.
Heute ist die Gebärde für „Kaffee“ das Trinken von dem Kaffee.
Die Welt verändert sich heute sehr schnell.
Es gibt immer mehr neue Wörter.
Die neuen Wörter werden in der Gebärden-Sprache oft
wie aus einer Fremd-Sprache übersetzt.
Oft werden dann neue Wörter aus alten Gebärden zusammen gesetzt.
Zum Beispiel das Wort „Facebook“:
Es wird aus der Gebärde „Gesicht“ und der Gebärde „Buch“ zusammen gesetzt.

Die jugendlichen Gehörlosen haben genau wie hörende Jugendliche eine eigene Jugend-Sprache.
Die Jugend-Sprache entsteht auf den Schul-Höfen in den Gehörlosen-Schulen.
Die Jugend-Sprache ist überall verschieden.
Zum Beispiel ist die Jugend-Sprache in der Stadt Duisburg anders
als in der Stadt Flensburg.

Wir sprechen mit dem ganzen Körper!

Die Gebärden-Sprache ist eine vollwertige Sprache,
genau wie die gesprochene Sprache auch.
Vollwertig heißt: Die Gebärden-Sprache kann also alles sagen und zeigen.
Die Gehörlosen benutzen dafür die Gebärden und das Finger-Alphabet.
Ein Buchstabe hat in dem Finger-Alphabet immer ein besonderes Hand-Zeichen.
Gesicht und Mund sind in der Gebärden-Sprache auch sehr wichtig.
Die Augen und die Körper-Haltung zeigen zum Beispiel Gefühle wie Wut oder Freude.
Die Gebärden-Sprache ist sehr ideenreich und oft lustig.

Bei der Gebärde „Weiß“ spricht der Mund das Wort leise mit.
Dabei wird der Zeigefinger unter der Lippe von einem Mund-Winkel zum anderen bewegt.
Mit der Gebärde für „Weiß“ zeigt man auf die weißen Zähne.
Die Gebärdensprache hatte früher für viele Dinge keine Gebärden.
Damals wurden die Gebärden einfach nicht gebraucht.
Zum Beispiel gab es früher für viele Berufe keine Gebärden.

Der Grund ist,
dass viele Gehörlose meist Handwerker waren.
Sie waren zum Beispiel Schuster oder Tischler.
Die Gehörlosen mussten dort nicht sprechen.
Heute ist das aber anders, sagt Simon Kollien.
Heute können Gehörlose auch andere Berufe lernen.
Die Gehörlosen brauchen dann Gebärden für die Berufe.

Woher kommt denn eigentlich eine Gebärde?

Besonders für neue Berufe gibt es oft noch keine Gebärden.
Woher kommt dann so eine neue Gebärde?
In Schweden gibt es dafür eine besondere Stelle.
Diese Stelle besteht aus einer besonderen Gruppe von Menschen.
Die Menschen dort beraten sich und machen neue Gebärden.
Die Stelle arbeitet sehr gut und genau.
Das gibt den Gehörlosen viel Sicherheit, sagt Ralph Raule.
Ralph Raule ist der Chef der Gesellschaft zur Förderung der Gehörlosen in Hamburg.
Er ist selbst gehörlos.

In Deutschland entstehen neue Gebärden in den sozialen Netz-Werken
und in den Gehörlosen-Zentren.
Viele Gebärden entstehen auch einfach auf Facebook.
Oft gibt es viele verschiedene Gebärden für ein Wort oder einen Namen.
Zum Beispiel für den Namen Angela Merkel.
Ralph Raule sagt,
für Angela Merkel gibt es die Gebärde „hängende Mund-Winkel“.
Dann gibt es auch die Gebärde „Raute“.
Die Raute ist eine besondere Hand-Stellung von Angela Merkel.
Und es gibt eine Gebärde,
die den typischen Haarschnitt von Angela Merkel zeigt.

Gebärden gibt es sehr viele.
Seit 2009 sammelt das Institut für Deutsche Gebärden-Sprache in Hamburg alle Gebärden in Deutschland.
Das Projekt hat den Namen „Korpus“.
Das Ziel ist ein Wörterbuch für Gebärden-Sprache.

Hörende Menschen sagen uns noch immer,
was wir tun sollen!

Simon Kollien findet es gut,
dass die Gebärden-Sprache so stark und eigenständig ist.
Manchmal diskriminiert die Gebärden-Sprache aber auch.
Diskriminiert heißt:
Ein Mensch wird nur nach dem Aussehen oder dem Verhalten beurteilt.
Zum Beispiel wird bei der Gebärde für „Frau“ die weibliche Brust angedeutet.
Diese Gebärde verstehen alle, sagt Simon Kollien.

Die Gebärde zeigt nur ein Merkmal der Frau.
Die Gebärde ist völlig ohne Hinter-Gedanken.
Es gibt aber hörende Menschen,
die wollen diese Gebärde abschaffen.
Für Simon Kollien geht das viel zu weit.
Er ist wütend,
dass sich hörende Menschen einmischen.
Genau wie früher, schimpft er.

Die Geschichte der Gebärden-Sprache

Gehörlose Menschen brauchen die Gebärden-Sprache.
In Deutschland ist die Gebärden-Sprache aber immer noch nicht wichtig.
Das war früher so und ist auch heute noch so.
Die erste Schule für taube Kinder gab es im Jahr 1755 in Paris.
Ein Mann der Kirche hatte die Schule gegründet.
Der Mann hieß Abbé de l’Epée.
Sein Name wird so gesprochen: Abee dö Lepee.

Abbé de l’Epée beobachtet damals die Gebärden der Gehörlosen.
Er sammelte diese Gebärden
und nutzte sie im Unterricht in der Schule.
Auch in Hamburg gab es damals eine Schule für gehörlose Kinder.
Der Lehrer Samuel Heinicke hat die Schule aufgebaut.
Heute erinnert eine Figur aus Bronze an Samuel Heinicke
und an seine „Taubstummen-Schule“.
Die Figur aus Bronze steht in Eppendorf in einem Park.
In der Taubstummen-Schule lernten die gehörlosen Kinder auch das Sprechen. Die Gebärden waren dabei für Samuel Heinicke nur eine Hilfe.

Viele Menschen fanden die Gebärden nicht gut.
Viele sagten,
die Gebärden-Sprache ist die „Sprache der Affen“.
Dann wurde die Gebärden-Sprache in den Schulen verboten.
Das war ein großes Problem für die Gebärden-Sprache,
sagt Simon Kollien.
Die Gebärden-Sprache wurde lange Zeit fast vergessen.
Erst im Jahr 1980 hat der Wissenschaftler Siegmund Prillwitz die deutsche Gebärden-Sprache wieder entdeckt.
Anfang 1990 gründete Siegmund Prillwitz dann in Hamburg
das „Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser.
Damit wurde die Gebärden-Sprache endlich wieder sichtbar.
Das war ein neuer Start für die Gebärden-Sprache und die Kultur der Gehörlosen,
sagt Simon Kollien.

Wer braucht die Gebärden-Sprache?

Wie viele Menschen nutzen eigentlich die Gebärden-Sprache?
Simon Kollien sagt,
dass etwa ein Prozent der Bevölkerung die Gebärden-Sprache sprechen.
Das sind etwa 80 Tausend Menschen in Deutschland.
Oft wird von einer „Welt der Hörenden“
und von einer „Welt der Gehörlosen“ gesprochen.
Manche Menschen sind in beiden Welten zu Hause.

So wie die Gebärden­Dolmetscherin Jutta Feuerle.
Frau Feuerle mag die Gebärden-Sprache sehr.
Sie sagt:
Die Gebärden-Sprache hat viel Gefühl und ist sehr direkt.
Das Gesicht sagt alles.
Beim Gebärden kann man nichts zurückhalten.

Die Gebärden-Sprache in der Kunst

Auch Rapper können sich bei Gebärden etwas abgucken.
Das zeigt zum Beispiel der gehörlose Künstler Hien Nguyen.
Hien Nguyen kommt aus dem Land Vietnam in Asien.
Sein Name wird so ausgesprochen: Hi-än Nujän.
Hien Nguyen macht auch Videos.
In einem Video zeigt er zum Beispiel die Gebärden für „Party“ und „Echt jetzt“. Wer noch mehr Jugend-Gebärden lernen will:
Guck dir einfach das Video an!

Übersetzung in Leichte Sprache: Capito Hamburg

Autor:in

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