Kommentar Prestigeprojekte :
Helft endlich auch den Obdachlosen!

Teure Wohncontainer für Flüchtlinge in der Hafencity. Foto: Hamburger Morgenpost/Rüdiger Gärtner.

Hamburg gibt 24 Millionen Euro für eine Flüchtlingsunterkunft in der Hafencity aus. Richtig so, findet Chefredakteurin Birgit Müller. Doch sie fragt: Wo ist das Prestigeprojekt für Obdachlose?

Hinz&Kunzt Randnotizen

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Satte 24 Millionen Euro kostet das Containerdorf in der Hafencity – und das, obwohl dort 720 Flüchtlinge für nur drei Jahre leben sollen. Ich finde es gut, dass der Senat damit zeigt: Liebe Hamburger, ja, wir wollen die Flüchtlinge auf alle Stadtteile verteilen – und damit für mehr Gerechtigkeit sorgen. Und wir wollen, dass die Menschen einigermaßen würdig untergebracht sind.

Was wäre die Alternative für die Flüchtlinge? Zelte oder gar Obdachlosigkeit. Denn das ist der eigentliche Skandal: Auch ein Jahr nachdem so viele Flüchtlinge gekommen sind, leben viele immer noch in irgendwelchen Hallen, wo sie zu Hunderten schlafen müssen, die Bettenburgen mühsam durch Laken oder Latten abgetrennt. Erst vor kurzem habe ich eine solche Halle besucht, in der 350 Flüchtlinge leben mussten, die meisten schon seit einem Jahr. Für sie wäre der Umzug in ein Containerdorf ein Segen.

Schlafplätze für 2000 Obdachlose? Fehlanzeige

Okay: 16 Millionen Euro kosten allein die Container in der Hafencity. Das ist wahnsinnig viel Geld. Dazu kommen die Erschließungs- und Aufbaukosten. Und es stimmt auch, dass sich viele Firmen in der Flüchtlingskrise eine goldene Nase verdienen, weil zeitweise in ganz Europas die Container vom Markt gefegt waren – und die Wohnboxen dringend gebraucht wurden. Trotzdem: Dieses Prestigeprojekt ist es dem Senat wert, so viel Geld in die Hand zu nehmen. Und das ist gut so.

Das Winternotprogramm kostet die Stadt gerade mal eine gute Million Euro pro Jahr.

Doch wo ist das Prestigeprojekt, um Obdachlosen zu helfen? Der Senat sorgt nicht dafür, dass die rund 2000 Obdachlosen, die auf Hamburgs Straßen Platte machen, einen Schlafplatz im Trockenen bekommen. Nur im Winter werden für sie Notunterkünfte in großer Zahl zur Verfügung gestellt. Doch es sind eben nur Behelfsschlafplätze, aus denen die Obdachlosen zudem am Morgen wieder raus in die Kälte müssen.

„Das Hamburger Winternotprogramm hat im Vergleich zu anderen deutschen Städten einen sehr hohen Standard“, sagte uns gerade Sozialsenatorin Melanie Leonhard. Es stimmt, dass andere Städte noch viel weniger tun. Doch das Winternotprogramm kostet die Stadt gerade mal eine gute Million Euro pro Jahr.

Müssten die Obdachlosen es uns nicht Wert sein, mehr Geld für sie auszugeben? Warum wird nur im Winternotprogramm dafür gesorgt, dass sie nicht erfrieren? Warum haben sie kein Recht, das ganze Jahr über ein anständiges Dach über dem Kopf zu haben? Ich will mich einfach nicht dran gewöhnen, dass Menschen buchstäblich auf der Straße liegen und verelenden – vor unser aller Augen.

Bürgerschaft
Linke will Winternotprogramm verbessern
Die Linksfraktion fordert eine massive Verbesserung des Winternotprogramms für Obdachlose. Immerhin will die Sozialbehörde das bisherige Konzept überdenken.
Autor:in
Birgit Müller
Birgit Müller
Birgit Müller hat 1993 Hinz&Kunzt mitgegründet. Seit 1995 ist sie Chefredakteurin.