Erinnerung an Helmut Schmidt :
Gerettet vor der Sturmflut

Altkanzler Helmut Schmidt war eine Instanz, eine starke Stimme in Hamburg. Für Renate Röttmer aus Wilhelmsburg ist er vor allem ein Retter. Was er leistete, als die Sturmflut 1962 das Behelfsheim ihrer Familie zerstörte, wird sie niemals vergessen. Ein Besuch.

Es war ein bescheidenes Leben damals in der Siedlung am Wilhelmsburger Deich: vier Wände und ein Dach aus Beton in einem kleinen Garten. Zwei Zimmer gab es für Renate, ihre Schwester Änne und die Eltern, dazu eine Küche und ein Bad mit Heizofen. Der Garten versorgte die Familie mit Gemüse, Kaninchen und Hühner hatten sie auch. Immer waren Freunde in der Nähe. „Es war eigentlich ganz gut“ sagt Renate Röttmer, die damals noch Büsch hieß.

Flut_2
Die Pferdesiedlung mit ihren Betonhäuschen gibt es heute nicht mehr. Renate Röttmer hat die Schäden der Flut trotzdem noch lebhaft vor Augen.

Klar, es war ein Behelfsheim, wie alle Lauben in der Pferdesiedlung. Nach dem Krieg lebten viele so. „Es gab damals nichts anderes“, erinnert sich Renate Röttmer. Bevor sie das Häuschen bekamen, waren sie bei einem Bauern in Bispingen untergekommen. Ihr Haus in der Kanalstraße in Wilhelmsburg hatten die Bomben getroffen. Auch in Rothenburgsort, wo sie vorher lebten, wurden sie ausgebombt. Renate war noch ganz klein, als sie zum ersten Mal fast alles verloren. Das Zuhause ihrer Familie, das ist für sie das Betonhäuschen am Deich. 15 Jahre lang wohnte sie dort.

Bis zum 16. Februar 1962. In der Laube der Büschs stieg eine Feier – Änne wurde an dem Tag 17 Jahre alt. Renate war 21 und damals schon mit Raimar Röttmer zusammen, der später ihr Mann wurde. Raimar ging gegen 22 Uhr von der Feier nach Hause. Da war noch alles trocken. Als Renates Vater am späten Abend von der Werft nach Hause kam, erzählte er von einem Wasserrohrbruch in der näheren Umgebung. Die ganze Straße sei nass. Niemand in der Familie dachte sich etwas dabei. Auch als sie aus dem Radio hörten, dass Menschen in Kirchdorf auf ihre Häuser geflüchtet waren, ahnten sie nichts von der Katastrophe. „Da haben wir noch gelacht: Was wollen die denn auf den Dächern?“, erzählt Renate Röttmer.

Heute ist von ihrem früheren Zuhause nichts mehr zu sehen. Das Betonhäuschen am Schimmelgang gibt es nicht mehr, die ganze Pferdesiedlung ist verschwunden. Doch trotz der Industriehallen, die nun dort stehen, erscheint Renate Röttmer bis heute das Bild der Zerstörung vor Augen. „Überall lagen die toten Kühe herum“, sagt sie. Die Hühner waren ersoffen, die Kaninchen auch. Das Betonhäuschen stand noch, aber es war kein Zuhause mehr. Wären die Lastwagen nicht gekommen in jener Nacht – vielleicht wären sie auch alle ertrunken.

315 Menschen verlor Hamburg in der Sturmflut 1962. Dass viele mehr gerettet wurden, verdankt die Stadt ihrem damaligen Polizeisenator Helmut Schmidt. In den frühen Morgenstunden erst erfuhr er, was an der Elbe los war. „Ich bin wie ein Verrückter unter Verletzung sämtlicher Verkehrsregeln in die Stadt gefahren“, erzählte er später in einem Interview. „Dass schon viele ertrunken waren, konnte ich da noch nicht wissen.“

Flut_3
Im Gasthof „Zur Linde“ fragte Raimar Röttmer am Morgen nach der Flut nach dem Schicksal der Menschen aus der Behelfsheimsiedlung.

„Das Wasser kommt von der Straße!“, riefen die Nachbarn. Renates neue weiße Reisetasche stand schon auf dem Kühlschrank bereit, gepackt für alle Fälle. Doch mitnehmen durfte sie sie nicht mehr. „Raus, raus!“, schrie ihr Vater. Sie rannten. Das Wasser stand schon im Garten. Raus aus der Siedlung. Über die Wettern mussten sie, da lag immer ein Brett als Brücke. Dann rauf auf den Deich, den höchsten Punkt. Doch das Brett über die Wettern war weg. Fortgespült. Der Weg nach draußen war abgeschnitten. Stockfinstere Nacht ringsherum. Der Sturm heulte. „Da standen wir schon mit den Knien im Wasser“, erinnert sich Renate Röttmer.

Noch bevor sie die Panik packen konnte, schienen Lastwagenscheinwerfer auf. Bundeswehr, sah sie an dem Y auf den Nummernschildern. „Ganze Kolonnen waren das“, erzählt sie. Alle sollten aufsteigen, riefen die Soldaten durch ihre Megafone. Renate, Änne und ihre Eltern stiegen auf die Ladefläche. Ehe sie sich versahen, pflügten die Lastwagen durch die Wassermassen davon. Sie waren in Sicherheit, noch bevor ihre Not ihnen bewusst wurde.

Die Bundeswehr als Katastrophenretter – das hätte es damals laut Gesetz gar nicht geben dürfen. Soldaten im Inland einzusetzen war verboten. Helmut Schmidt wusste das. Trotzdem rief er Vertraute bei Bundeswehr und NATO an, forderte Einsatzkräfte an und bestellte Lastwagen, Boote, Hubschrauber nach Hamburg. „Um ehrlich zu sein, müsste ich sagen: Ich habe mich um die Gesetze nicht gekümmert. Ich habe auch keinen Juristen gefragt, ob ich das darf“, erklärte er im Nachhinein.

Etliche Menschen kamen 1962 mit einem Schrecken davon – doch der Schreck sitzt tief. Auch Renate und Raimar Röttmer können bis heute keine Sturmflutwarnung überhören. „Man denkt immer daran, was damals geschehen ist“, sagt sie. Tage nach der Evakuierung wurde ihr klar, wie glimpflich ihre Rettung war. „Dass Helmut Schmidt da so entscheidend war, wussten wir gar nicht“, sagt sie und ihr Mann ergänzt: „Dieser Mythos kam erst später.“

Helmut Schmidt hat viel geleistet – als Minister und Bundeskanzler, als Staatsmann, später als Publizist und als starke Stimme in seiner Heimatstadt. „Er war eine Instanz“, sagt Raimar Röttmer. Unvergesslich aber ist er für die Menschen an der Elbe nicht wegen seiner steilen politischen Karriere. Er wusste im Moment höchster Not, was zählt. Daran werden sich die Hamburger immer erinnern.

Text: Annabel Trautwein
Fotos: Mauricio Bustamante

Weitere Artikel zum Thema